Reifendruck im Herbst: Warum Ihre Reifen über Nacht Luft verlieren, obwohl sie dicht sind
Erste kalte Nacht, und morgens meldet sich die Reifendruckwarnung? Meist steckt Physik dahinter. So messen Sie richtig und darum lohnt sich das Nachfüllen.

Das Wichtigste in Kürze
- Kühlt die Luft ab, sinkt der Reifendruck, als Faustwert um rund 0,1 bar pro 10 Grad. Ein Loch ist dafür nicht nötig.
- Messen Sie immer am kalten Reifen und richten Sie sich nach den Werten in Tankklappe, B-Säule oder Bedienungsanleitung.
- Schon rund 0,4 bar zu wenig erhöhen laut ADAC Verschleiß und Verbrauch. Stickstoff statt Luft bringt im Alltag kaum etwas.
Inhalt
Erster richtig kalter Morgen im Oktober, Sie starten den Motor, und im Display leuchtet die Reifendruckwarnung. Am Abend vorher war noch alles in Ordnung. In den allermeisten Fällen steckt dahinter kein Nagel und kein undichtes Ventil, sondern ganz normale Physik.
Kalte Luft braucht weniger Platz
Luft zieht sich zusammen, wenn sie abkühlt. Im geschlossenen Reifen bedeutet das: Der Druck sinkt, obwohl kein einziges Luftmolekül entwichen ist. Als Faustwert gilt etwa 0,1 bar pro 10 Grad Temperaturunterschied. Der Reifenhersteller Continental nennt eine Spanne von 0,07 bis 0,14 bar. Umgekehrt funktioniert das genauso: Steht das Auto in der Sonne oder sind die Reifen warm gefahren, steigt der Druck wieder an.
Das klingt nach wenig, summiert sich aber. Haben Sie den Druck zuletzt im Spätsommer bei 25 Grad eingestellt und die Nacht geht auf 0 Grad herunter, fehlen grob 0,2 bis 0,3 bar. Dazu kommt ein ganz normaler Verlust über die Zeit. Auch ein intakter Reifen gibt etwas Luft ab, der ADAC nennt als Anhaltspunkt rund 0,1 bar in drei Monaten. Wer seit dem Sommerurlaub nicht mehr nachgefüllt hat, ist im Oktober also schnell ein ganzes Stück unter dem Sollwert.
Warum sich das RDKS ausgerechnet morgens meldet
Seit November 2014 müssen alle in der EU neu zugelassenen Autos ein Reifendruckkontrollsystem haben, kurz RDKS. Es gibt zwei Bauarten. Direkte Systeme messen mit Sensoren im Rad. Indirekte Systeme werten die Raddrehzahlen über das ABS aus, denn ein Reifen mit weniger Druck rollt etwas anders ab.
Beide Systeme sind Warner, keine Präzisionsmessgeräte. Sie schlagen an, wenn der Druck deutlich vom Sollwert oder vom angelernten Wert abweicht. Am kalten Morgen ist genau das der Fall. Nach einigen Kilometern erwärmen sich die Reifen, der Druck steigt wieder, und die Warnung verschwindet manchmal von selbst. Das Problem ist damit aber nicht gelöst, es ist nur bis zum nächsten kalten Morgen vertagt.
In meiner Zeit in der Bochumer Werkstatt kamen im Herbst regelmäßig Kunden mit dieser Leuchte, oft mit der Sorge, sie hätten sich einen Nagel eingefahren. Meist reichte der Kompressor. Trotzdem gehört bei einer Warnung immer ein kurzer Blick auf alle vier Reifen dazu. Wenn ein einzelner Reifen deutlich schneller Luft verliert als die anderen, ist das kein Wetterthema mehr.
Wer mehr über die Symbole im Cockpit wissen will: Welche Warnleuchten bedeuten, dass Sie sofort anhalten sollten, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengestellt.
So messen Sie richtig
Der wichtigste Punkt: Messen Sie am kalten Reifen. Die Angaben der Hersteller gelten für kalte Reifen, also vor der Fahrt oder nach nur kurzer Strecke. Wer zur Tankstelle nur ein paar Minuten fährt, kann dort problemlos messen. Nach einer langen Autobahnfahrt zeigt das Messgerät dagegen deutlich mehr an, als beim kalten Reifen.
Die Sollwerte für Ihr Auto finden Sie
- in der Tankklappe,
- auf einem Aufkleber an der B-Säule, sichtbar bei geöffneter Fahrertür,
- in der Bedienungsanleitung.
Achten Sie auf die Beladung. Für ein voll bepacktes Auto gelten höhere Werte als für die Fahrt allein zur Arbeit, laut ADAC kann der Unterschied bis zu einem Bar betragen. Vorne und hinten können die Werte ebenfalls abweichen.
Der ADAC empfiehlt, den Reifendruck etwa alle zwei Wochen zu prüfen. Das RDKS ersetzt diese Kontrolle nicht. Die Geräte an der Tankstelle sind meist kostenlos. Bei modernen Füllstationen wählen Sie den Zielwert vorher aus, das Gerät füllt auf und meldet sich mit einem Piepton, sobald der Druck stimmt. Ein kleines Handmessgerät kostet im Baumarkt nicht viel und ist praktisch, um die Tankstellensäule ab und zu gegenzuprüfen.
Hat Ihr Auto noch ein Reserverad, messen Sie es gleich mit. Es liegt oft jahrelang unbeachtet im Kofferraumboden und verliert in dieser Zeit genauso Luft. Im Ernstfall nützt ein platter Ersatzreifen wenig. Ohne Reserverad liegt meist ein Pannenset an Bord, dessen kleiner Kompressor im Notfall ebenfalls zum Nachfüllen taugt.
Was zu wenig Druck kostet
Unterdruck ist kein Komfortthema. Laut ADAC verändern sich die Fahreigenschaften schon bei einem halben Bar zu wenig: Der Bremsweg kann länger werden, und das Auto liegt in Kurven schlechter. Auf nasser Straße steigt die Gefahr von Aquaplaning. Bei hohem Tempo kann ein Reifen mit zu wenig Druck im schlimmsten Fall platzen, weil sich die Flanke stärker durchwalkt und erhitzt.
Auch der Geldbeutel merkt es. Schon etwa 0,4 bar unter dem Sollwert erhöhen laut ADAC den Verschleiß, der Verbrauch steigt um bis zu 0,3 Liter auf 100 Kilometer. In der Werkstatt erkennt man dauerhaften Unterdruck oft schon am Reifenbild: Die Schultern außen sind stärker abgefahren als die Mitte der Lauffläche.
Wo Sie gerade an den Reifen sind: Werfen Sie auch einen Blick auf das Herstellungsdatum. Wie Sie das Reifenalter an der DOT-Nummer ablesen, haben wir genau erklärt.
Stickstoff: teuer und im Alltag meist überflüssig
Manche Werkstätten bieten an, die Reifen mit Stickstoff zu füllen. Das Argument: Stickstoff entweiche langsamer, der Druck bleibe stabiler. Ganz falsch ist das nicht, im Alltag aber kaum relevant. Luft besteht ohnehin zu etwa 78 Prozent aus Stickstoff. Der ADAC hat beides verglichen und selbst nach mehreren Monaten nur Unterschiede von wenigen hundertstel bar gemessen.
Vor allem ändert Stickstoff nichts an der Physik vom Anfang. Auch ein mit Stickstoff gefüllter Reifen verliert in der kalten Nacht Druck. Mein eigener Kombi fährt seit Jahren mit ganz normaler Luft von der Tankstelle. Wichtiger als das Füllgas ist, dass Sie regelmäßig nachsehen.
Was Sie jetzt tun sollten
Prüfen Sie den Druck nach den ersten kalten Nächten an allen vier Reifen, und zwar morgens oder nach kurzer Fahrt. Füllen Sie auf den Sollwert für kalte Reifen auf und lernen Sie ein indirektes RDKS bei Bedarf neu an. Wechseln Sie in den nächsten Wochen auf Winterreifen, gehört die Druckkontrolle nach dem Wechsel dazu. Ob für Sie eine Winterreifenpflicht gilt und was es mit der bekannten O-bis-O-Regel auf sich hat, lesen Sie bei uns ebenfalls.
Danach gilt: alle zwei Wochen kurz nachsehen. Zwei Minuten an der Tankstelle kosten weniger als ein abgefahrener Reifen.
Häufige Fragen
Warum sinkt der Reifendruck bei Kälte?
Kalte Luft zieht sich zusammen, der Druck im Reifen sinkt, obwohl keine Luft entweicht. Als Faustwert gelten etwa 0,1 bar weniger pro 10 Grad Temperaturrückgang.
Soll ich den Reifendruck warm oder kalt messen?
Kalt, also vor der Fahrt oder nach nur kurzer Strecke. Die Herstellerangaben gelten für kalte Reifen. An warmen Reifen sollten Sie keine Luft ablassen.
Lohnt sich Stickstoff im Reifen?
Für normale Pkw kaum. Luft besteht ohnehin zu etwa 78 Prozent aus Stickstoff, und der ADAC fand in Tests nur minimale Unterschiede. Regelmäßiges Prüfen bringt mehr.
Faktencheck und Quellen
Dieser Artikel wurde von Jonas Brandt recherchiert und geschrieben und am 10. Oktober 2026 von Sabine Müller, Fahrlehrerin seit 1997, nach dem Vier-Augen-Prinzip fachlich geprüft. Faustwerte zur Temperaturabhängigkeit, Prüfintervall und Folgen von zu niedrigem Reifendruck mit den aktuellen Angaben von ADAC und Continental abgeglichen.
- ADAC: Der richtige Reifendruck, Ratgeber (Juni 2025)
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