Warum in vielen Neuwagen kein Reserverad mehr liegt (und was Sie stattdessen wissen müssen)
Statt Ersatzrad nur Kompressor und Dichtmittel? Warum Hersteller so sparen, wo das Pannenset an Grenzen stößt und wie Sie ein Reserverad nachrüsten.

Das Wichtigste in Kürze
- Viele Hersteller verzichten aus Platz- und Gewichtsgründen auf ein Ersatzrad und legen stattdessen ein Pannenset mit Kompressor und Dichtmittel ein.
- Das Dichtmittel hilft nur bei kleinen Löchern in der Lauffläche. Danach gilt meist Tempo 80, und der Reifen muss ersetzt werden.
- Ein Reserverad ist in Deutschland keine Pflicht, Warndreieck, Warnweste und Verbandkasten dagegen schon. Nachrüsten ist oft möglich.
Inhalt
Viele Autofahrer merken es erst, wenn es zu spät ist. Der Reifen ist platt, man hebt den Kofferraumboden an, und da liegt kein Rad. Stattdessen ein kleiner Kompressor, eine Flasche mit Dichtmittel und ein Schlauch. Für eine Reifenpanne kann das reichen. Es kann aber auch das Ende der Fahrt sein, und den Unterschied sollten Sie kennen, bevor Sie am Seitenstreifen stehen.
Warum die Hersteller das Rad weglassen
Der wichtigste Grund ist Platz. Laut ADAC verzichten die meisten Hersteller bei Neuwagen aus Platzgründen auf ein vollwertiges Reserverad. Die Mulde unter dem Kofferraumboden lässt sich anders nutzen, etwa als zusätzliches Staufach oder bei manchen Modellen für Technik.
Dazu kommt das Gewicht. Ein Komplettrad bringt je nach Größe schnell 15 Kilo und mehr auf die Waage, Wagenheber und Radschlüssel kommen noch dazu. Ein Pannenset wiegt deutlich weniger. Für die Hersteller zählt jedes Kilo, denn die EU schreibt ihnen Grenzwerte für den durchschnittlichen CO2-Ausstoß ihrer verkauften Neuwagen vor. Weniger Masse heißt weniger Verbrauch, auch wenn der Effekt beim einzelnen Rad klein ist.
Und natürlich geht es ums Geld. Felge, Reifen, Wagenheber und Halterung kosten in der Produktion mehr als ein Kompressor mit Flasche.
Aus meiner Werkstattzeit kann ich eines ergänzen: Die meisten Plattfüße, die ich gesehen habe, gingen auf eine Schraube oder einen Nagel in der Lauffläche zurück. Für genau diesen Fall ist das Pannenset gemacht. Für alles andere eher nicht.
Keine Pflicht: Was wirklich ins Auto gehört
Ein Reserverad müssen Sie in Deutschland nicht dabeihaben, ein Pannenset übrigens auch nicht. Vorgeschrieben sind im Pkw drei andere Dinge:
- ein Warndreieck (§ 53a StVZO),
- eine Warnweste (§ 53a StVZO),
- Erste-Hilfe-Material, also ein Verbandkasten nach DIN 13164 (§ 35h StVZO).
Wer gar nichts für eine Reifenpanne an Bord hat, handelt also legal. Im Ernstfall bleibt dann aber nur der Pannendienst.
Das Pannenset: So funktioniert es, hier sind die Grenzen
Das Prinzip ist simpel. Sie füllen ein flüssiges Dichtmittel über das Ventil in den Reifen und pumpen ihn mit dem Kompressor auf, der meist an der 12-Volt-Steckdose hängt. Beim Losfahren verteilt sich das Mittel im Reifen und verschließt das Loch von innen.
Das klappt allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Nach Angaben des ADAC darf das Loch nicht größer als 4 bis 5 Millimeter im Durchmesser sein, und es muss in der Lauffläche liegen. Eine Beschädigung an der Flanke, Risse, eine abgelöste Lauffläche oder ein undichtes Ventil bekommt kein Dichtmittel zu. Steckt noch ein Nagel im Reifen, ziehen Sie ihn nicht heraus, er verschließt das Loch zum Teil selbst.
Der so abgedichtete Reifen ist nur eine Notlösung bis zur nächsten Werkstatt. Laut ADAC darf ein mit Dichtmittel behandelter Reifen auch dort nicht mehr repariert werden, er wird ersetzt. Dazu kommt Arbeit an der Felge: Das Mittel muss gründlich entfernt werden. Wir haben damals ganz schön geflucht, wenn es schon angetrocknet war, und manche Werkstätten berechnen die Reinigung extra. Achten Sie auch darauf, was Sie nachkaufen: Einige Dichtmittel-Sprays aus dem Zubehörhandel eignen sich laut ADAC nicht für Autos mit Reifendruckkontrollsystem.
Ein Punkt wird fast immer vergessen. Das Dichtmittel hat ein Ablaufdatum, ähnlich wie der Verbandkasten. Ist es abgelaufen, funktioniert es im Ernstfall womöglich nicht mehr. Das Datum steht auf der Flasche, Ersatzflaschen gibt es beim Händler und im Zubehör.
Notrad und Runflat: die beiden anderen Lösungen
Statt Pannenset liegt in manchen Autos ein Notrad. Es ist deutlich schmaler und leichter als ein normales Rad, oft auf einer einfachen Stahlfelge. Damit geht es weiter, aber mit Einschränkungen. Kia und Volvo etwa begrenzen die Geschwindigkeit in ihren Betriebsanleitungen auf 80 km/h. Der Fülldruck liegt meist deutlich über dem eines normalen Reifens, bei manchen Modellen bei 4,2 bar. Und es darf immer nur ein Notrad gleichzeitig montiert sein. Mein Rat aus der Praxis: Prüfen Sie den Druck im Notrad ab und zu. Es liegt jahrelang unbeachtet im Kofferraum und verliert in der Zeit Luft wie jeder andere Reifen.
Die dritte Variante sind Runflat-Reifen, auch Notlaufreifen genannt. Sie haben verstärkte Flanken und tragen das Auto auch ohne Luft noch eine Weile. Laut ADAC sind dann nicht mehr als 80 km/h und höchstens 80 Kilometer drin, maßgeblich sind die Angaben des Herstellers. Weil man den Druckverlust bei diesen Reifen kaum spürt, ist das Reifendruckkontrollsystem hier besonders wichtig. Das ist bei neu zugelassenen Pkw in der EU seit dem 1. November 2014 Pflicht. Was die gelbe Reifendruck-Leuchte bedeutet und welche Lampen im Cockpit einen sofortigen Stopp verlangen, lesen Sie in unserem Beitrag über Warnleuchten, bei denen Sie sofort anhalten sollten.
| Lösung | Stärke | Grenze |
|---|---|---|
| Pannenset | leicht, wenig Platzbedarf | nur kleine Löcher in der Lauffläche, Reifen danach ersetzen |
| Notrad | hilft auch bei Flankenschaden | meist höchstens 80 km/h, braucht Platz |
| Runflat-Reifen | Weiterfahrt ohne Radwechsel | begrenzte Strecke und Geschwindigkeit laut Hersteller |
Reserverad nachrüsten: Darauf kommt es an
Wenn Sie sich mit einem richtigen Rad wohler fühlen, lässt sich das bei vielen Autos nachholen. Ich fahre seit Jahren einen älteren Kombi, und das Reserverad darin hat mir schon mehr als einmal den Abend gerettet. Bevor Sie losziehen, klären Sie ein paar Punkte:
- Gibt es eine Radmulde, und ist sie tief genug für ein Rad in Ihrer Größe? Bei manchen Modellen ist die Mulde zu flach oder anderweitig belegt.
- Passt die Felge? Lochzahl, Lochkreis und Einpresstiefe müssen stimmen, die Reifengröße muss für Ihr Auto zugelassen sein. Die Daten finden Sie in den Fahrzeugpapieren oder beim Händler.
- Ist das Werkzeug komplett? Sie brauchen einen passenden Wagenheber, einen Radschlüssel und eine Befestigung für das Rad. Manche Hersteller bieten dafür eigene Nachrüstsätze an.
- Haben Ihre Felgen Schlösser? Dann gehört der Adapter für die Felgenschlossschraube unbedingt mit ins Auto. Ohne ihn bekommen Sie das kaputte Rad nicht ab.
Wer ein gebrauchtes Rad kauft, sollte unbedingt auf das Alter des Reifens schauen. Wie Sie das an vier Ziffern auf der Reifenflanke ablesen, haben wir separat erklärt.
Was Sie jetzt tun sollten
Nehmen Sie sich bei der nächsten Gelegenheit fünf Minuten Zeit und heben Sie den Kofferraumboden an. Schauen Sie nach, was dort wirklich liegt: Pannenset, Notrad oder gar nichts. Prüfen Sie das Ablaufdatum des Dichtmittels und lesen Sie die Anleitung einmal in Ruhe zu Hause, nicht erst bei Regen am Straßenrand. Liegt ein Notrad drin, kontrollieren Sie dessen Luftdruck, am besten gleich zusammen mit den anderen vier Reifen. Gerade jetzt im Herbst lohnt sich das ohnehin, denn mit sinkenden Temperaturen sinkt auch der Druck, wie wir im Text zum Reifendruck in der kalten Jahreszeit beschreiben.
Und speichern Sie die Nummer Ihres Pannendienstes im Handy. Denn bei einem aufgeschlitzten Reifen hilft das beste Pannenset nichts.
Häufige Fragen
Ist ein Reserverad in Deutschland Pflicht?
Nein. Weder ein Reserverad noch ein Pannenset ist vorgeschrieben. Pflicht im Pkw sind Warndreieck, Warnweste und Verbandkasten.
Wie schnell darf ich nach einer Reparatur mit Pannenset fahren?
Maßgeblich ist die Herstellerangabe, meist sind es höchstens 80 km/h. Der Reifen ist nur notdürftig abgedichtet und muss so bald wie möglich ersetzt werden.
Kann man einen Reifen nach dem Pannenset noch reparieren lassen?
Nach Angaben des ADAC nicht. Ein mit Dichtmittel behandelter Reifen darf auch in der Werkstatt nicht mehr repariert werden, er wird ersetzt.
Faktencheck und Quellen
Dieser Artikel wurde von Jonas Brandt recherchiert und geschrieben und am 10. Oktober 2026 von Sabine Müller, Fahrlehrerin seit 1997, nach dem Vier-Augen-Prinzip fachlich geprüft. Angaben zu Pannenset, Notrad und Runflat-Reifen mit ADAC-Ratgeber und Herstellerunterlagen abgeglichen, Mitführpflichten mit dem Wortlaut der StVZO geprüft.
- ADAC, Reifendichtmittel: Was bei Pannensets zu beachten ist
- ADAC Pressemeldung vom 26. Januar 2022: Reifenpannensets als praktische Sofortlösung
- Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO), § 35h und § 53a
- Bundesregierung, Neuregelungen zum 1. November 2014 (Reifendruckkontrollsysteme)
- Betriebsanleitungen von Kia und Volvo, Hinweise zum Notrad
Unsere Artikel dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine Rechtsberatung oder Werkstattdiagnose. Wie wir arbeiten, steht in den redaktionellen Richtlinien. Fehler entdeckt? Hier geht es zu den Korrekturen.






