Blickführung: Der Fahrschul-Trick, der Sie in Kurven sicherer macht
Das Motorrad fährt dorthin, wo Sie hinschauen. Warum der Blick in Kurven über Sturz oder Sicherheit entscheidet und wie Sie Blickführung gezielt üben.

Das Wichtigste in Kürze
- Wer auf ein Hindernis starrt, fährt oft genau darauf zu. Fachleute sprechen von Zielfixierung.
- In Kurven gehört der Blick weit voraus zum Kurvenausgang, und der Kopf dreht sich mit, nicht nur die Augen.
- Der Fluchtpunkt der Straße verrät, ob eine Kurve enger wird oder sich öffnet, und hilft, das Tempo richtig zu wählen.
Inhalt
Mein erstes Sicherheitstraining liegt lange zurück, aber eine Übung habe ich nie vergessen. Auf dem Platz stand eine einzelne Pylone, mitten auf einer großen freien Fläche. Die Aufgabe: einfach daran vorbeifahren. Ich habe sie umgefahren. Nicht einmal, sondern zweimal. Der Trainer hat nur gelacht und gesagt, das passiere fast jedem, der die Pylone anstarrt.
Dahinter steckt einer der wichtigsten Grundsätze beim Motorradfahren, und er wird schon in der Fahrschule gelehrt: Das Motorrad fährt dorthin, wo Sie hinschauen.
Warum das Motorrad Ihrem Blick folgt
Das klingt nach Esoterik, ist aber ganz handfest. Wenn Sie einen Punkt anschauen, dreht sich der Kopf, die Schultern folgen, und Ihre Hände geben ganz feine Lenkbewegungen in diese Richtung. Sie merken das nicht, Ihr Motorrad schon. Auf zwei Rädern genügen winzige Impulse, um die Linie zu verändern.
Im Alltag ist das ein Vorteil. In einer Schrecksituation wird es zum Problem. Taucht in der Kurve plötzlich ein Schlagloch, ein Ast oder ein Auto auf, das zu weit auf Ihrer Seite fährt, saugt sich der Blick daran fest. Und das Motorrad steuert genau darauf zu. Fachleute nennen das Zielfixierung. Wer schon einmal in einer Kurve „wie hypnotisiert“ auf die Leitplanke zugefahren ist, kennt dieses Gefühl.
Die gute Nachricht: Man kann es trainieren. Und es funktioniert in beide Richtungen. Wer bewusst auf die freie Lücke schaut, fährt auch dorthin.
Kopf drehen, nicht nur die Augen
Viele Einsteiger schauen in Kurven mit den Augen in die richtige Richtung, lassen den Kopf aber geradeaus. Das reicht nicht. Drehen Sie den ganzen Kopf, das Kinn zeigt Richtung Kurvenausgang. Halten Sie den Kopf dabei möglichst aufrecht, auch wenn das Motorrad in Schräglage ist. Dann bleibt der Horizont gerade, und Ihr Gleichgewichtssinn hat es leichter.
Der Verhaltensforscher Bernt Spiegel, dessen Buch „Die obere Hälfte des Motorrads“ vielen Motorradfahrern ein Begriff ist, hat das in einfache Merksätze gefasst: in die Kurve schauen, weit voraus schauen, hinter die Kurve schauen. Ich habe die drei Sätze am Anfang tatsächlich vor jeder Kurve leise vor mich hin gesagt.
Der Blick in Etappen
In der Praxis wandert der Blick durch eine Kurve wie ein Scheinwerfer, der immer schon ein Stück vorausleuchtet:
- Vor der Kurve: Sie suchen den Einlenkpunkt und bremsen auf das passende Tempo herunter, solange das Motorrad noch aufrecht steht.
- Beim Einlenken: Der Blick löst sich vom Einlenkpunkt und wandert in die Kurve hinein, Richtung Scheitelpunkt.
- In der Kurve: Noch bevor Sie den Scheitelpunkt erreichen, sucht der Blick den Kurvenausgang.
- Am Ausgang: Jetzt schaut er bereits auf den weiteren Straßenverlauf.
Der häufigste Fehler ist, auf den Asphalt direkt vor dem Vorderrad zu starren. Dann reagiert man nur noch, statt zu planen, und die Fahrt wird hektisch und eckig.
Der Fluchtpunkt verrät die Kurve
Ein Werkzeug, das ich erst spät kennengelernt habe und seitdem auf jeder unbekannten Strecke nutze, ist der Fluchtpunkt. Gemeint ist der Punkt, an dem der linke und der rechte Fahrbahnrand in der Ferne scheinbar zusammenlaufen.
- Der Fluchtpunkt kommt auf Sie zu: Die Kurve wird enger oder Ihr Tempo ist zu hoch. Gas weg, früher bremsen.
- Er bleibt im gleichen Abstand: Der Radius bleibt gleich, Sie können die Linie halten.
- Er wandert von Ihnen weg: Die Kurve öffnet sich, Sie können wieder sanft beschleunigen.
Das passt zu einer Grundregel aus der StVO, die viele vergessen. Nach § 3 Abs. 1 dürfen Sie nur so schnell fahren, dass Sie innerhalb der übersehbaren Strecke anhalten können. Der Fluchtpunkt zeigt Ihnen ziemlich genau, wie lang diese Strecke gerade ist.
Der Lenkimpuls, kurz erklärt
Zur Blickführung gehört das richtige Lenken. Bei normaler Fahrt lenken Sie ein Motorrad nicht wie ein Fahrrad im Schritttempo, sondern über einen kurzen Impuls. Drücken Sie die rechte Lenkerhälfte leicht nach vorn, kippt das Motorrad nach rechts und fährt eine Rechtskurve. Links funktioniert es genauso. Das wirkt zunächst unlogisch, ist aber die Art, wie jedes Motorrad bei Fahrt in Schräglage kommt, ob Sie es bewusst tun oder nicht.
Blick und Lenkimpuls arbeiten zusammen: Der Blick sagt, wohin es gehen soll, der Impuls bringt das Motorrad dorthin. Wer in einer Kurve merkt, dass er zu weit nach außen gerät, braucht beides, den Blick zur Kurveninnenseite und einen entschlossenen Druck auf die innere Lenkerhälfte.
Übungen für den leeren Parkplatz
Blickführung lernt man nicht durch Lesen. Am besten üben Sie in einem Sicherheitstraining, wie es Automobilclubs und viele Fahrschulen anbieten. Ein paar Übungen gehen aber auch allein auf einem großen, leeren Platz, für den Sie die Erlaubnis des Eigentümers haben:
- Enge Kreise: Fahren Sie im Schritttempo Kreise und drehen Sie den Kopf weit in Fahrtrichtung, bis Sie schon die Stelle sehen, an der sich der Kreis schließt. Sie werden merken, wie viel runder der Kreis gelingt, wenn der Kopf wirklich mitdreht.
- Wenden: Üben Sie das Wenden auf engem Raum. Der Blick geht schon zum Ziel der Wende, bevor Sie einlenken.
- Markierungen: Legen Sie zwei Tennisballhälften oder Pylonen aus und fahren Sie Slalom. Schauen Sie dabei immer schon auf die übernächste Markierung, nicht auf die, an der Sie gerade vorbeifahren.
Auch im Auto ein Gewinn
Blickführung ist keine reine Motorradsache. Auch im Auto lenkt man dorthin, wo man hinschaut. Wer bei Gegenverkehr in die Scheinwerfer starrt, driftet leicht in dessen Richtung. Schauen Sie bei Blendung lieber an den rechten Fahrbahnrand. Und wer in einem Fahrsicherheitstraining mit dem Auto ins Rutschen kommt, hört dort meist denselben Satz wie wir Motorradfahrer: Schauen Sie dorthin, wo das Auto hinfahren soll.
Beim Wild gilt im Auto allerdings eine eigene Regel: kräftig bremsen, das Lenkrad festhalten und nicht ausweichen. Warum gerade jetzt im Herbst besonders viel Wild unterwegs ist, lesen Sie in unserem Beitrag zur Zeitumstellung und Wildunfällen.
Was Sie jetzt tun sollten
Nehmen Sie sich bei Ihrer nächsten Ausfahrt eine einzige Aufgabe vor: in jeder Kurve bewusst den Kopf zum Ausgang drehen. Nicht mehr, nicht weniger. Nach ein paar Wochen passiert es von allein. Wenn Sie dann noch ein Sicherheitstraining einplanen, ist das gut investierte Zeit. Gerade im Herbst, wenn Laub und Nässe ohnehin wenig Fehler verzeihen, zahlt sich das aus. Welche Gefahren im Herbst Sie außerdem im Blick haben sollten, steht in unserem Saisonratgeber.
Häufige Fragen
Was bedeutet Blickführung beim Motorradfahren?
Blickführung heißt, den Blick bewusst dorthin zu richten, wo Sie hinfahren wollen, in Kurven also weit voraus zum Kurvenausgang. Das Motorrad folgt dem Blick, weil Körper und Lenkbewegungen sich unbewusst danach ausrichten.
Was ist Zielfixierung?
Zielfixierung beschreibt das Phänomen, dass man in Schrecksituationen auf ein Hindernis starrt und genau darauf zufährt. Die Gegenmaßnahme ist, den Blick aktiv auf die freie Fahrbahn zu lenken.
Wie kann man Blickführung üben?
Am besten in einem Sicherheitstraining oder auf einem leeren, abgesperrten Platz, zum Beispiel mit engen Kreisen, Slalom und Wendeübungen, bei denen Sie den Kopf bewusst weit in Fahrtrichtung drehen.
Hilft Blickführung auch beim Autofahren?
Ja. Auch im Auto lenkt man unbewusst dorthin, wo man hinschaut. Bei Blendung durch Gegenverkehr hilft zum Beispiel der Blick an den rechten Fahrbahnrand.
Faktencheck und Quellen
Dieser Artikel wurde von Tobias Keller recherchiert und geschrieben und am 10. Oktober 2026 von Sabine Müller, Fahrlehrerin seit 1997, nach dem Vier-Augen-Prinzip fachlich geprüft. Die Fahrtechnik-Hinweise mit gängigen Empfehlungen aus Motorrad-Sicherheitstrainings und der Fachpresse abgeglichen und die Regel zum Fahren auf Sicht mit § 3 Abs. 1 StVO geprüft.
- Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), § 3 Abs. 1
- Fachzeitschrift MOTORRAD, Ratgeber Blickführung vor und in Kurven
- Bernt Spiegel, Die obere Hälfte des Motorrads
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